Von Tuareg, Taliban & Dauercampern

Liebe Oma, lieber Opa, lieber Papa,

übermorgen fliege ich mit Mama nach Marrakesch. Das ist ein bisschen aufregend, weil Marrakesch in Marokko liegt und Marokko in Nordafrika. Also bin ich aufgeregt und Ihr seid es auch, vielleicht, weil es so weit weg ist, vielleicht, weil Ihr nicht dabei seid, und vielleicht auch einfach nur, weil Omas und Opas und Eltern sich immer Sorgen machen, wenn ihr Kind ohne sie unterwegs ist. Mit dem Fahrrad durch die Stadt, alleine mit der Straßenbahn zum Training, oder eben für vier Tage in ein nordafrikanisches Land. Es gibt ja auch tausend Gründe, Angst zu haben: Angst, dass denen, die man lieb hat, etwas passieren könnte. Angst, dass das, was einem wichtig ist, verloren gehen könnte. Mama zum Beispiel hat immerzu Angst, dass das Geld nicht reicht, um unsere Klassenfahrten zu bezahlen oder neue Winterjacken zu kaufen. Ich habe Angst, dass ich wieder etwas vergesse, woran ich denken sollte: meinen Turnbeutel oder eine schlechte Note unterschreiben lassen. Ihr habt Angst, dass ich überfordert bin und zu kurz komme, weil ich abwechselnd bei Mama und bei Papa bin. Angst kann machen, dass man sich ganz schön dummes Zeug einredet.

Ich fliege also übermorgen mit Mama nach Marokko, und Ihr habt gesagt, wir sollen uns da von Berbern, von Tuareg, von belebten Plätzen und von den Taliban fernhalten. Und weil ich weiß, dass Ihr das sagt, damit wir uns keiner Gefahr aussetzen, und ich nicht weiß, ob Mama das auch weiß, erzähle ich ihr das natürlich. Und dann kriege ich mehr Angst vor Mama als vor jedem Berber, Tuareg oder Taliban, weil sie sich furchtbar aufregt und lauter Begriffe um sich schmeißt, die ich nicht verstehe. Es ist schwer für mich, wenn die Menschen, denen ich vertraue, so widersprüchliche Dinge sagen. Also muss ich wohl rausfinden, warum ich mich vor Berbern, Tuareg und Taliban fernhalten muss.

 Berber sind eine Volksgruppe, die vor allem im heutigen Marokko und Algerien anzutreffen sind. Die Tuareg zählen zu den Berbern, sind aber im Gegensatz zu anderen Berbergruppen nicht sesshaft. Was ein Volk sein soll, hab ich schon nicht verstanden, als Mama mir von den Leuten erzählt hat, die einen Unterschied machen zwischen Menschen, die in Deutschland leben, und denen, die sich deutsches Volk nennen dürfen. Wenn ich versuche mir vorzustellen, was das sein könnte, eine Volksgruppe, von denen ein paar nicht sesshaft sind, fallen mir die Dauercamper und die Datschensiedler am Pälitzsee ein. Eine Gruppe von Menschen, die sich vorübergehend oder dauerhaft da niederlassen, wo es ihnen gefällt und die Bedingungen stimmen. Manche machen immer Stress und schreien rum, manche haben nette Kinder, mit denen ich gerne spiele, und manche stecken mir immer Gummibärchen oder Schokolade zu. Vielleicht haben die Berber leckere Süßigkeiten, dann bringe ich euch welche mit. Aber natürlich hüte ich mich auch vor ihnen, wenn euch das wichtig ist. Dann müsstet Ihr mir nur nochmal sagen, warum ich mich vor denen hüten soll.

Was die Taliban angeht, kann ich Euch beruhigen: von denen muss ich mich nicht fernhalten, die sind sowieso ganz weit weg. Von Afghanistan oder Pakistan bräuchten die mit dem Auto mindestens 98 Stunden, hab ich mir von Google Maps ausrechnen lassen, und selbst mit dem Flugzeug braucht man 18 Stunden von Kabul nach Marrakesch. Die wären schneller bei euch in Leipzig. Aber ihr habt natürlich Recht: von einer islamistischen Miliz, die Anschläge auf alles, was nicht in ihr Weltbild passt, verübt und eine Gewaltherrschaft einführen will, sollte man sich fernhalten. Da hätte ich auch Angst um mein Enkelkind. Nur wäre ich da bei einem Urlaub in Paris, New York  oder Berlin nicht sicherer als in Marrakesch. Denn darin besteht ja genau der Terror: eine Herrschaft der Angst zu errichten und vollkommen unberechenbar loszuschlagen: auf einem deutschen Weihnachtsmarkt, in einer französischen Comic-Redaktion oder in einem Flugzeug.

Ihr wisst ja, wie das ist. Ich bin euer Enkelkind und hab euch wahnsinnig lieb, also glaube ich, was ihr mir über die Welt und die Gefahren darin erzählt. Und erzähle das weiter. Aber dann ist das natürlich doof, wenn ihr die Dinge so durcheinanderwerft, dass plötzlich Menschen, die eine bestimmte Herkunft haben, mit Menschen gleichgestellt werden, die bestimmte Eigenschaften haben. Vor allem dann, wenn diese Eigenschaften böse, gefährlich und strafbar sind.

Die Taliban gehören bestimmt zu den Menschen, vor denen ich Angst hätte. Aber viel häufiger als Taliban sehe ich in Leipzig aufgebracht schreiende Menschen, die noch viel mehr Volksgruppen kennen, von denen Gefahr ausgeht: Syrer, Asylanten, Nordafrikaner, Islamisten. Das hab ich jetzt nicht mehr alles gegoogelt, ich weiß also nicht, wie weit es von Islamistan nach Deutschland ist. Ich hab mich jetzt nur mal ein bisschen mit Berbern, Tuareg und Taliban befasst. Ob die ihren Kindern wohl auch erzählen, dass sie sich in Europa von Ostdeutschen, Sachsen und Terroristen fernhalten sollen?  

Macht euch keine Sorgen. Ich versuche, mich von Menschen fernzuhalten, die mir Böses wollen. In Marrakesch wie in Leipzig.

Euer M.

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