Über das Glück, einen fluchenden Handwerker im Bad zu haben

Zumal, wenn man vorher keinen Handwerker im Bad hatte. Und auch kein Klo. Kein Klo zu haben ist überhaupt bisher nicht ausreichend literarisch thematisiert. Das Nichthaben eines Klos über den Zeitraum von drei Tagen. Erschafft ganz neue literarische Orte. Mit Wasser gefüllte Zementmischwannen. Hinter herausgerissenen Zwischenwänden aufgetauchte alte grüne Fensterläden, im Hof aufgestellt, dahinter ein mit Sand gefüllter Eimer. Verwilderte Grundstücke hinter der mit einer Ananas beklebten Hoftür.

Dabei hat alles so vielversprechend angefangen. `Hallöchen… mein Kollege und ich würden ab 30.6. bei dir angreifen. Für alles 2000 Euro.´ So die erlösende SMS am 20. Juni, nachdem der ursprünglich beauftragte Fliesenleger wegen Personalmangels absagen musste.  Wir bleiben beim Du, der neue Fliesenleger und ich, bald schon bekomme ich per SMS zusätzlich Gute-Nacht- und Guten-Morgen-Wünsche und spätestens, als er sich ein paar Tage später nach meinem Alter erkundigt (`Ich weiß, es ist unhöflich, aber wie alt bist Du eigentlich? Denn Deine Art und Weise lässt Dein Alter nicht erahnen´, gefolgt von einem Smiley), ist der Zeitpunkt für subversive pädagogische Maßnahmen gekommen. Ich nutze die Information über mein Alter als Tauschwert. Denn natürlich habe ich bei unserem ersten Treffen die Tattoos auf seinen Oberarmen gesehen. Den eintätowierten Bandnamen. Den eintätowierten Namen einer Band, die auch gerne auf Heckscheiben von PKWs darüber Zeugnis ablegt, welcher Weltanschauung der Fahrer sich zugehörig fühlt. Seine Lieblingsband, lautet die wenig überraschende Antwort, und dass jeder Mensch seine eigene Meinung habe und die auch sagen solle. Hört sich dann aber auch an, dass die Meinungen ja weniger das Problem sind, solange sie nicht dazu missbraucht werden, anderen bestimmte Rechte abzusprechen.

`Merke:  mit der `Dein Alter merkt man Dir gar nicht an´- Nummer bin ich genauso wenig zu ködern wie mit den Onkelz zu schocken. Ich hab schon so einiges im Leben gesehen und gehabt und ich lebe von Fiktionen. Was mit sich bringt, dass mich andere Leute Leben interessieren. Also pass auf, dass Du keine Romanfigur wirst´,

warne ich ihn noch und sehe uns schon happily ever after auf diesem unerwartet subversiven pädagogischen Spielfeld  in Sachen Feminismus und Extremismus  herumtoben.  Übergebe am 1. Juli nach Abschluss der vorbereitenden Arbeiten – Dichtschlämme, Unterputz, Estrich – die erste Rate in bar, um in der Folgenacht um 4:58 Uhr eine SMS  zu erhalten, die die Begeisterung über mein Aussehen mit einem Übernachtungsangebot verbindet, das ich uhrzeitbedingt als `written under the influence´ verbuche. Und mangels Nachfrage ausschlage.

Der nächste Tag bringt einen Gipsarm.

Nicht bei mir.

Der darauffolgende Dienstag bringt die Ansage, in der Folgewoche weiter zu machen.

Ich erkundige mich vorsichtshalber, weil Gipsarm. Aber auch, weil ich ab 18. Juli für 2 Wochen nach Aken kommen möchte. Und zwei Wochen mit oder ohne Bad, das macht schon einen Unterschied.

`Das bekommen wir hin. Versprochen.´  

Am darauffolgenden Samstag moderiere ich eine Show, was auch mein Fliesenleger meinem fb-Account entnimmt. Und sich daraufhin als Fangirl bewirbt. Ein willkommener Anlass zur nächsten subversiven Intervention. `Ob wohl die Fans Deiner Lieblingsband die Mitglieder und Fans meiner Showtruppe – Queers, Dragqueens etc. – akzeptieren und sein lassen könnten, was sie sind? Wenn du das guten Gewissens mit `ja´ beantworten kannst, bist Du qualifiziert.´

Die SMS am Sonntag, 12. Juli, lautet `Ja´.

Die SMS am Montag, 13. Juli lautet `Hey Pippi am Samstag kann dein Klempner kommen´.

Am Samstag kommt der Klempner, um Badewanne, Waschbecken und WC zu montieren.

Das alte WC, demontiert.

Die Wände, halb verputzt.

Keine Fliese an der Wand, nirgends.

Mein gipsarmiger Fliesenleger, unerreichbar ever after. Antwortet auf keine SMS. Geht nicht ans Telefon.

Nach drei Tagen ohne WC und Rückmeldung entziehe ich ihm den Auftrag und fordere meinen Hausschlüssel zurück. Er wolle mir nicht im Wege stehen und glaube weiter an das Gute im Menschen.  Schreibt er weitere zwei Tage später. Da habe ich wenigstens den Sanitärinstallateur dazu bekommen, das neue WC zu installieren.

Aber jetzt ist ja alles gut. Der Handwerker verputzt hin und wieder ein bisschen freundlich fluchend die Baustelle, die sein unzuverlässiger Vorgänger hinterlassen hat, die Rainbirds singen `I sneak around the corner with a blueprint of my lover´.

Meinen Schlüssel habe ich bis heute nicht zurück. Aber  das mit der Romanfigur, das könnte was werden, Freund D.

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