Heldenreise. was ich in Lexow über die Liebe gelernt habe

Es ist Sonntagnachmittag und es regnet und ich werde nass auf dem Fahrrad und wahrscheinlich ist die Wimperntusche unter meinen Augen verschmiert, aber Udo Jürgens hört nicht auf, mir ins Ohr zu singen: Das Herz muss Schmerz begreifen, bevor es Glück begreift, man muss ein bisschen sterben bevor man leben kann, man muss ein Spiel verlieren bevor man eins gewinnt, man muss Briefe adressieren, die Abschiedsbriefe sind, denn Angst ist der Schlüssel zum Mut

Und deswegen sitze ich jetzt mit nassen Haaren und verschmierter Wimperntusche am Rechner und schreibe diesen Text, nachdem ich heute Morgen schon einen neuen Ordner (TeamLexow) in meinem Posteingang angelegt und sämtliche Lexow-Rundmails seit dem 22. März wieder aus dem Papierkorb gefischt habe. Der 22. März 2020, an dem Isa die erste Mail in die Runde geschickt hat, Betreff „Die große Ratlosigkeit“:

„Liebe Virenschleudern,

ich weiß jetzt auch nicht. (…) Und ja, ich möchte Lexow weiterhin einplanen und daran glauben, dass wir fahren können; man muss ja auch ein bisschen Normalität aufrechterhalten  und sich auf etwas freuen. Schon klar, ihr wisst es natürlich auch nicht. (…) Wenn jetzt alle außer mir für Absagen sein sollten, dann müsste ich das mit B. klären. (…) What to do?“

Picture Credit: Mario Giordano

Aus der großen Ratlosigkeit wird am 1. April 2020 „Betreff: Lexow“, am 13.4. „Betreff: Sack zu“ und keine zwei Monate später erwarten wir am 7. Juni gar schon „Zuwachs in Lexow“. Noch ein paar Rochaden später sind wir schließlich 12, die am 23. August 2020 im Gutshaus Lexow einfallen werden, um, ja was eigentlich, dort zu tun. Schreibcamp, nennen wir es. Und verstecken uns zunächst hinter Logistik. Vom Mitfahrplatz über Cappuccino aus der Busküche bis zu günstigen Weinquellen wird alles in die Runde geworfen und ums Kochen entspinnt sich gar ein reinster Bewerbungsmarathon.

ich hab weder einen ausgebauten Bus noch günstige Weinquellen, aber ich krieg schlechte Laune, wenn ich nicht kochen darf, am liebsten mit erhöhtem Handicap – je unverträglicher die Mischung aus VeganerInnen, Glutenunverträglichkeiten und RosenkohlverächterInnen, desto schöner. Plus, wenn´s um die Jahreszeit noch Löwenzahn gibt, gibt´s auch Maslačak (und nur Alida weiß, was das ist).“

„Obwohl ich vom Mittelmeer und zwar von seiner balkanischen Küste stamme, was als sicheres Zeichen für fehlende Toleranz gegenüber VeganerInnen oder VegetarierInnen gehalten werden könnte („Papa, unser Gast ist ein Vegetarier“ – „Ja, aber das ist doch nur ein Oktopussalat / Sind etwa die gefüllten Paprika kein Gemüse? / Dieses Lamm stammt von der Insel Brač, bessere Weiden gibt es nirgends / Ich habe noch nie einen Deutschen getroffen, der keine Ćevapčići mag“), bin ich inzwischen so deutsch sozialisiert, dass ich ehrlich versprechen kann, keine Prosciuttowürfelchen oder Anchovis heimlich in die Saucen gleiten zu lassen…“

Der Countdown läuft. In den verbleibenden Wochen klären wir Transportfragen. Besuchsfragen. Geldfragen. Restrisikofragen.

Was offen bleibt, ist die Frage, was ich eigentlich von Euch will. Mit welchem Anliegen ich anreise. Wieviel ich selber überhaupt darüber weiß. Und was ich davon erzähle.

Ich werde mit dem Zug anreisen, bis Malchow, die restlichen 8 Kilometer bis Lexow will ich wandern. Wandern mit Rollkoffer ist doof. Ich hasse Rucksäcke. Ich kaufe mir einen Rucksack. Ich packe ein: ein Paar goldene Schuhe, ein Paar Laufschuhe, ein Paar Sandalen, ein Paar Sneakers. Das sind ziemlich viele Schuhe für sieben Tage. Ach ja, Menschen, die glauben, ausreichend Schuhe einpacken zu können, um für jede Wegstrecke gewappnet zu sein. Um dann die acht Kilometer Feld-, Wald- und Wiesenweg trotzdem in so schönen wie ungeeigneten Lederschuhen zurückzulegen, dabei So flieg, du flammende, du rote Fahne, Voran dem Wege, den wir ziehn in Endlosschleife zu singen, wurmstichige Pflaumen vom Wegesrand zu pflücken und über meine Erwartungshaltung an diese 7 Tage nachzudenken.   

Picture Credit: Mario Giordano

Wir hüpfen dann erst drei Mal hinterm Gutshaus übers Trampolin und springen nackt in den Großen Kressinsee, bevor wir uns um den ebenfalls großen Tisch setzen und über Erwartungen sprechen, über Texte, an denen wir arbeiten und worüber wir uns austauschen möchten. Über Erzählperspektiven will ich mir klar werden, erzähle ich euch. Und meine Wunden lecken. Weil die Trümmerfrauen, mein im März erschienener Roman, ein legendär schlechtes Timing hatten. Leipziger Buchmesse, abgesagt. Lesungen, abgesagt. Rezensionen, Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit hinter allen Erwartungen zurückgeblieben. Und klar hatte ich die. Der zweite Roman sollte mich in die Liga der ernsthaft Schreibenden katapultieren, meinen Übergang in die Autorinnen-Identität markieren. Als schreibende Stimme ernst genommen werden, das wollte ich. Aber am besten, ohne dafür viel mehr tun zu müssen als einen guten Roman geschrieben zu haben. Alles andere, bitte schön, soll gefälligst das Schicksal übernehmen. Das Universum. Während ich schweigend und mit verspiegelter Sonnenbrille am Spielfeldrand stehen bleiben darf und mich trotzdem alle in ihr Team wählen. Ich will verspiegelt und undurchschaubar am Schwimmbeckenrand sitzen und trotzdem ins Wasser gezogen werden. Ich will mich nicht verletzlich zeigen und keine Angriffsfläche bieten und schon gar nicht bedürftig erscheinen.

Da weiß ich noch nichts von Wanst & Phallus, von Don Quichote und Sancho Pansa, von den archetypischen Antagonisten, von denen der eine sagt: „Ich will, dass sich alles verändert.“, während der andere fordert: „Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Von denen beide gute Gründe haben, aber einer ohne den anderen nicht kann.

Das lerne ich erst am nächsten Tag, als unsere Erwartungen (Arbeiten & Verlottern, Zettelspiel) und Themen (Gewalt, Struktur, Drehbuch) auf gelben Zetteln an der Wand neben dem Geschirrschrank hängen und Mario neben seiner Käsetorte, Sancho Pansa und Don Quichote auch noch das phantastische Binom in Anschlag bringt, um uns alle im Sturm zu erobern. Und Dürers Rhinoceros, den Grumpy Rhino, der vor der ligurischen Küste ertrinken muss, damit wir etwas übers Geschichtenerzählen lernen können.

Und so ist es eben mit Geschichten: etwas muss untergehen, um auferstehen zu können. Alle Schönheit, alle Poesie, alle Wahrheit und alle Ewigkeit entstehen nur aus dem Untergang. Das heißt für eure Stories: Sucht nach dem Untergang. Fragt euch, was untergehen muss, damit etwas Neues auferstehen kann.

Aber ich merke, dass es nur die halbe Wahrheit ist, wenn ich jetzt so tue, als hätte es nur diesen intellektuellen Anstupser gebraucht, damit ich die verspiegelte Sonnenbrille abnehme. Intellektuelle Anstupser, my ass, dazu hätte ich mir keinen Wanderrucksack kaufen und keinen Ziegenkäse in die Handtasche packen müssen. Dafür hätte ich zuhause bleiben können.

Nein, was die Grammatik meiner Phantasie entfesselt, sind die Tage, die folgen. Was macht, dass ich im Wald ein Rühr-mich-nicht-an pflücke, um mich daran zu erinnern, dass ich genau das nicht mehr sein möchte, hat mit den Menschen zu tun, mit denen ich die kommenden Tage verbringe. Schluss mit Noli me Tangere. Ich möchte berührt werden. – Das Universum und ich kommunizieren noch ein bisschen holprig, und so sind es zuerst die Fliegen, die meinem Wunsch nachkommen. Aber die Magie ist unaufhaltbar und in Lexow gerne auch schon früh wach.

Spätestens um sieben steht irgendwer in der Küche, kocht Kaffee oder hat schon den Geschirrspüler ausgeräumt und kaum ein Tag vergeht, an dem nicht entweder ein Schokoladenkuchen, eine Käse-Mandarinentorte oder ein Apple-Crumble im Ofen stehen. Überhaupt, die Essensvorräte. Wer die Unterschranktür neben dem kleinen Kühlschrank aufmacht, könnte glauben, unter Süßigkeiten-Prepper geraten zu sein. Mars, Milky Way, Balistoriegel, Schokoladentafeln und Lakritzheringe, ausreichend, um damit den Weg zum See zu pflastern und wahrscheinlich auch noch zurück.

Picture Credit: Mario Giordano

Und dann versuchen wir, ein ernsthaftes Schreibcamp abzugeben. Wir trinken Kaffee und sprechen über die Darstellbarkeit von Gewalt. Wir schwimmen durch den See und erklären uns gegenseitig, wie die Duscharmaturen funktionieren. Wer auf der Liege unter dem Baum arbeitet, läuft Gefahr, von angriffslustigen Birnen attackiert zu werden. Von Schafen und Pferden ist die Rede und von solchen, die wie das eine aussehen und das andere sein wollen. Champignons und viele davon spielen eine Rolle, nicht immer im Kühlschrank. Ein vierblättriges Kleeblatt für Karen wird gesucht. Simone teilt ihre geheimen Bezugsquellen für Bling-Bedarf in Dublin (war doch Dublin, oder, Simone?) und geteilt werden auch Passionsfrüchte. Alida erweist sich als brillante Immobilienmaklerin für die kroatische Adriaküste. Jos Zettelspiel treibt uns an die Grenzen unserer Ausdrucksfähigkeit und Vorstellungskraft. Begriffe, die rückwärts vorgelesen und vorwärts erraten werden sollen (Besen, Gabel), werden unter Einwirkung von Albernheit und des gerade erlernten phantastischen Binoms (Man nehme zwei Begriffe, die möglichst wenig miteinander zu tun haben und verbinde sie mit Hilfe von Grammatik) zum Penisbagel.

Wir haben keine gemeinsame Agenda. Keinen Minimalkonsens ausgehandelt. Kein roter Faden, an dem wir uns entlanghangeln könnten. Und trotzdem liegt ein fast schon gespenstischer Harmonienebel über diesen Tagen, der so glaubwürdig ist, dass er dazu ermutigt, aufs passende Schuhwerk zu pfeifen und sich treiben zu lassen. Ich werde durchlässiger. Trinke mich literweise durch ungewohnte Teekanneninhalte und spaziere durch fremde Welten und Hotelzimmer, werde in Leben und Geschichten eingeladen mit einer solchen Großzügigkeit und Intensität, dass ich mich manchmal zurückziehen muss, und gleichzeitig will ich keine Sekunde versäumen, weswegen ich mich am Abend nach der Lesung auf das große Sofa lege und dort einschlafe, während um mich herum getanzt, getrunken und erzählt wird und es sich ein bisschen wie früher beim Camping anfühlt, wenn die Geborgenheit dadurch entsteht, dass von draußen Gesprächsfetzen und leichter Zigarettengeruch hereindringen. Einfach nur sein und schlafen zu dürfen in der Hängematte der Geborgenheit. Bis Isa mich behutsam weckt, damit ich wieder in die Runde zurückkehren und mittanzen kann.

Davor, danach, dazwischen liegen Spaziergänge und Gästebesuche und so penetrante wie penetrierende Fliegen und Tippen unterm Kopfhörer und Musikhören an einem Regentag und Einkaufsfahrten in der Göttin und täglich mindestens 3x Geschirrspüler ein- und ausräumen und wenn das alles klingt, als hätten wir verdammt wenig über Literatur und den Betrieb und das Schreiben gesprochen, dann stimmt das genauso wie es falsch ist, und überhaupt bleibt hier vieles unerzählt, weil nicht jedes ersoffene Rhinoceros auserzählt werden muss.

Was ich in Lexow gelernt habe: ein Hummerweibchen kann den Panzer ruhig abwerfen. Weil sie sich darauf verlassen kann, dass vor der Höhle jemand aufpasst, dass ihr kein Leid zugefügt wird. So ein bisschen war Lexow. Ungepanzert, aber geborgen.    

Picture Credit: Mario Giordano

Sonntagnachmittag gegen 14 Uhr. Die Haare noch nass und mit den letzten Hähnchenschenkeln und hartgekochten Eiern im Bauch stehen wir nach dem Abschiedsbaden auf dem Parkplatz vor den Autos und drücken uns vor dem endgültigen Abschiednehmen. Und dann hat das Universum eine Eingebung und lässt Kristine eine wunderschöne Liebesgeschichte erzählen, die damit endet, dass der eine der anderen ein Zettelchen mit seiner Telefonnummer zusteckt. Und die andere doch längst ein Zettelchen mit der ihren vorbereitet hat. Und eigentlich endet die Liebesgeschichte, die Kristine erzählt hat, auch gar nicht damit. Sondern sie fängt da erst an. Deswegen: #TeamLexow, darf ich euch meine Telefonnummer zustecken?

Und damit geht´s jetzt wirklich ans Eingemachte: Danke, Isa Bogdan, Simone Buchholz, Jo Lendle, Karen Koehler, Martin Paas, Ingo Herzke, Kristine Bilkau, Alida Bremer, Jens Eisel, Mario Giordano und Thomas Überhoff. Ihr habt mir geholfen, die Perspektive zu wechseln. Ein bisschen Panzer abzuwerfen und mehr zu dem mutigen Menschen zu werden, der ich gerne sein möchte. Deswegen muss ich´s jetzt doch nochmal auf Euch loslassen:

PTW, fTG, ILY

(Und jetzt Alle)

So. Um jetzt doch noch mit ein bisschen Humor (den allerdings eher Ihr brauchen werdet) aus der Nummer rauszukommen: ich habe euch gemalt. Erkenntnisgewinn: Wortmenschen sollten mit Worten malen, nicht mit Pinseln…

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