Eine Platte in Leipzig, ein Haus in Aken

Im Januar 2020 gebe ich 165 qm Altbau auf. Parkettboden, hohe Decken, Jugendstil-Flügeltüren, Art déco Fliesen im Bad und 40 qm Dachterrasse mit Blick auf den Walnussbaum im Garten. Eingetauscht gegen 47 qm Plattenbau mit fensterlosem Innenbad, in dem keine Waschmaschine Platz hat, PVC-Bodenbelag, ohne Balkon und mit Aussicht  auf den geschotterten Parkplatz in der Baulücke gegenüber. In den Monaten zuvor habe ich einen Großteil meiner auf 165 qm verteilten Habseligkeiten entsorgt, in der fb-Gruppe Free Your Stuff ein- oder auf den Bordstein vor die Tür gestellt: Expedit-Regale, Geschirr, Flohmarktfundstücke und andere ausrangierte Dinge, für die drei der Kindheit und in Teilen auch dem Haushalt entwachsene Kinder und ich keine Verwendung mehr haben. 90 Prozent meiner Bücher, verschenkt, an Büchereien und Kneipen gespendet, nach Gewicht zum Kilopreis verkauft.

20 Kisten mit dem, was bleiben durfte, sind jetzt auf 47 qm verteilt. Seitdem sitze ich in meiner hellen quadratischen Plattenbauküche im 4. OG, starre glücklich auf meine freigelegten Betonwände, deren aufgepinselter Montagezeitpunkt (Mai ´89) sie als eine der letzten DDR-Platten ausweist, und schwärme vom sozialistischen Wohnungsbau. Von der unfasslich ökonomischen Raumnutzung. Den zimmerbreiten Fensterfronten. Den Gemeinschaftsräumen (Fahrradkeller, Trockenkeller, Wäschestangen und Klettergerüste im Hof). Dem Waschsalon direkt an der Ecke, der mir die eigene Waschmaschine, die im 4-qm-Bad keinen Platz gefunden hat, erspart. Dem Carsharing-Parkplatz gegenüber, der mir die Parkplatzsuche in der Großstadt erspart. Dem genossenschaftlichen Wohnen mit seinem unschlagbaren Mietzins, an dem sich nicht viel ändern wird.

Aber die Geschichte wäre ja nicht vollständig, wenn ich so tun würde, als hätte ich mich wirklich von 165 qm auf 47 qm verkleinert. Ich habe mich ja nicht von allem getrennt. Es blieben ja die heißgeliebten Mid-Century-Möbel. Ein Trumm von einem Bett. Der Zweieinhalbmeter-Esstisch, der in der Platte nie all die Menschen um sich hätte versammeln können, für die er gedacht ist. Die Waschmaschine. Die Gartenstühle. Jede Menge sekbstverständlich unverzichtbarer dekorativer Krempel. Die stehen jetzt in Aken. Mitten auf der Baustelle, zu der das kleine Schifferhäuschen in der Töpferbergstraße geworden ist, nachdem ich alle Zwischenwände habe herausreißen und den Dachstuhl freilegen lassen.

Das alte Schifferhäuschen in der Töpferbergstraße mit der steilen Treppe, auf der vor ungefähr vierzig Jahren und in einem anderen Staat bei einer Verlobungsfeier die Gäste saßen, weil es im Haus nicht genügend andere Sitzplätze gab. Das alte Schifferhäuschen, unter dessen Dach sich vier Generationen auf dreieinhalb Zimmer verteilt hatten, in der Dachschräge hinter dem Durchgangszimmer die beiden Töchter, im Durchgangszimmer Großmutter und Urgroßmutter, unten Küche, Stube und Elternschlafzimmer. Irgendwann waren die Töchter ausgezogen, Urgroßmutter, Großmutter, Vater und als letztes auch noch die Mutter gestorben. Keines der verbliebenen Kinder, die längst eigene Kinder und eigene vier Wände haben, wollen das Haus übernehmen, und so begrüßen mich bei der Besichtigung im Februar 2019 ein einsamer Pinguin, der an den Badfliesen klebt, und Dagobert Duck an der Zwischentür im Dachgeschoss.

Das Haus ist niedrig und verbaut und hat keinen Garten, nur einen winzigen Hinterhof und das ist mein Glück, denn so erkennt niemand, was für ein Schatz es ist, dieses Haus in der Schifferstadt Aken, mitten im Biosphärenreservat Mittelelbe, 12 Kilometer von der Bauhausstadt Dessau und dem Hugo-Junckers-Flugplatz entfernt, 1913 noch größte Schifferstadt an der Elbe (so zumindest die anlässlich der 850-Jahr-Feier herausgegebene Broschüre) und bis heute stolz auf seinen trimodalen Hafenbetrieb, das Magnesitwerk und die Schiffswerft ehedem bedeutende Arbeitgeber. An den Bäumen, die die Zufahrtsstraße durch den Wald säumen, künden „Betreten verboten! Lebensgefahr!“-Schilder von der Präsenz der sowjetischen GSSD-Truppen bis in die frühen 90er und Tante G., meine weit über achtzigjährige Nachbarin von gegenüber, weiß noch, wie das war, als die langen Tische mitten auf der Töpferbergstraße aufgebaut wurden und man sich dort niederließ, um gemeinsam Gemüse zu schnippeln und Steinobst zu entkernen und einzumachen. Zu erzählende Geschichte allerorten.

Auch ich habe viel erlebt, seit ich am 1. April 1993 zum ersten Mal am Leipziger Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen bin, um mir ein Zimmer zu suchen und in Leipzig Theaterwissenschaft zu studieren. 27 Jahre später habe ich neben zwei Studienabschlüssen, einer Literaturagentur, drei Kindern von drei Männern, einem Witwenrentenausweis und zwei Romanen jetzt also auch vorzuweisen: ein Haus auf dem Land, eine Wohnung in der Stadt.

Ein Haus auf dem Land, eine Wohnung in der Stadt (Dumont Verlag 2019), so heißt dieses Buch von Jan Brandt, und was darin steckt, ist so viel mehr als ein Bericht über horrende Wohnungsmieten in Berlin und das Haus seines Urgroßvaters in Ostfriesland. Er erzählt darin über seinen in die USA ausgewanderten und dann doch nach Ostfriesland zurückgekehrten Großvater. Über seine fast einjährige Wohnungssuche und Teilobdachlosigkeit in Berlin. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Wurzeln. Das Verzweifeln über den Berliner Wohnungsmarkt, die Erinnerung an Pumpduschen, Klos auf halber Treppe, Kohleöfen und illegale Kneipen im Ostberlin der 90er, den eigenen Anteil an dem, was seit ein paar Jahren Gentrifizierung heißt und sich darin äußert, mit bis zu 200 weiteren InteressentInnen durch unangemessen überteuerte Quadratmeter geschleust zu werden und sich einzugestehen, wie die Suche nach bezahlbarem Wohnraum zunehmend in Konkurrenz mit der eigenen Würde und den eigenen Werten tritt, wohlwissend, dass dieser Konkurrenzkampf so gar kein Interesse an Würde und Werten hat, sondern ausschließlich an materiellen Sicherheiten.

Ich hatte Jans Buch schon seit seinem Erscheinen auf dem Radar. Und trotzdem brauchte es diesen Facebook-Post, in dem er berichtet, dass das Theater im Heimathafen Neukölln die Inszenierung von „Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt“ wenige Tage vor der ausverkauften Premiere abgesetzt hat, um zu erkennen, was dieses Buch mit meinem Schifferhäuschen in Aken zu tun haben könnte. Und mit dem, was ich dort vorhabe.  

„Ich habe vergangenes Jahr erkannt, dass wir (gerade im Osten) noch so häufig bedauernd und klarsichtig auf die ländlichen Räume gucken und Demokratiedefizite diagnostizieren und Bundesprogramme initiieren können – oder eben vor Ort gehen und dort agieren können. Ich habe ein altes Schifferhäuschen in Aken (Elbe) gekauft, noch ist es eine Baustelle, aber das Haus soll mitnichten mein Altersruhesitz werden, sondern ein Ort, die Erzählstimmen zusammenzuführen, ehemalige Magnesit- und WerftarbeiterInnen, Tante Gerda, die von langen Tischreihen in der Töpferbergstraße zu erzählen weiß, an denen gemeinsam Gemüse geschnippelt und Obst entkernt wurde, und eben die Stimmen aus den größeren Städten, in deren Geschichten Begriffe wie Gentrifizierung, Migration, Wokeness, Antisemitismus und Gender vorkommen.“

Der Dumont Verlag, bei dem das Buch erschienen ist, reagiert schnell und so stehe ich zwei Tage später in Aken vor dem alten Postamt (das natürlich keine Postfiliale mehr beherbergt) und scanne den Abholschein an der DHL Packstation ein. Am nächsten Morgen habe ich „Ein Haus auf dem Land, eine Wohnung in der Stadt“ ausgelesen und weiß, dass mein Impuls richtig war, Jan als Gast zum ersten Aken Stories Festival, von dem ich vor Ort erst noch Unterstützung und Fördermittel einwerben muss,  einzuladen. Was sich auf knapp 450 von der einen (Ein Haus auf dem Land) wie von der anderen (eine Wohnung in der Stadt) zu lesenden Seiten aufspult, ist nicht nur die fast einjährige Odyssee eines aus Ostfriesland stammenden, seit Jahrzehnten in Berlin lebenden Autors auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung in Berlin, ist nicht nur das Protokoll des gescheiterten Versuchs, das urgroßväterliche Haus in Ihrhove, Ostfriesland, kurz vor dem Abriss zurückzukaufen. Es ist vielmehr der erzählbar gewordene Versuch, gegenwärtige Konflikte und Erzählungen auf eine Weise zu verknüpfen, die Zusammenhänge sichtbar werden lässt: angefangen mit einem Phänomen, das unter `Gentrifizierung´ zum Hashtag und Kampfbegriff geworden ist, über die schon zum Klischee gewordene Flucht stadtmüder StädterInnen aufs Land samt ihrer realitätsfremden Projektionen, von der Glorifizierung des Landlebens als Hort der Ursprünglichkeit, von den abgehängten Landstrichen, die ja nicht nur aus Landstrichen bestehen, sondern auch aus diese Landstriche bewohnenden Menschen, von veränderten Lebensverhältnissen und Produktionsbedingungen, nicht mehr benötigten Berufszweigen, wegrationalisiertem örtlichen Einzelhandel und was das aus Familien macht, aus denen, die weggehen und denen, die bleiben.  

Und nein, Ihrhove ist nicht Aken und Ostfriesland nicht Sachsen-Anhalt und die Entwicklungen einer abgehängten ostfriesischen Region nicht vergleichbar mit dem Nachwendeausverkauf und der Treuhandabwicklung ostdeutscher Industrie-Regionen. Auch anderes ist nicht vergleichbar. Wenn Jan Brandt an Didier Eribons Heimkehr nach Reims anknüpfend sein „konserviertes wie negiertes Selbst“ aufruft und seine Sehnsucht nach Stabilität und Kontinuität auf Midlife-Crisis, Kinder- und Beziehungslosigkeit zurückführt, dann teile ich vielleicht diesen Hintergrund nicht, sehr wohl aber das geschilderte Phänomen: das Gefühl der Unbehaustheit.  Und die damit verbundene Sehnsucht, diesem diffusen und ungreifbaren Gefühl eines Verlusts etwas entgegenzusetzen, am besten etwas, dem sich konkrete Koordinaten zuweisen lassen. Weswegen so oft historische Gebäude oder vermeintlich unschuldige Landstriche zur Projektionsfläche herhalten müssen.

„Das Haus meines Urgroßvaters dagegen war schon immer dagewesen, schon vor meiner Geburt, schon vor allen anderen Häusern, das Haus aller Häuser, und in den Geschichten, die mein Vater, mein Onkel und meine Tante erzählten, bekam es eine geradezu mythische Dimension, eine Art ostfriesische Akropolis, ein Tempel, der nur für die Götter unserer Familie errichtet worden war, um ihnen zu huldigen und ihr Andenken zu bewahren. Meine Verpflichtung als Nachgeborener bestand darin, mich in ihre Reihe zu stellen und das Erbe, das sie mir unausgesprochen auferlegt hatten, anzunehmen.“

Und natürlich hat unser Austausch noch eine weitere Dimension, die über (Sehnsuchts-)Orte und Immobilien hinausgeht. Denn natürlich sind wir über der so kurzfristigen wie unsolidarischen Absage der bereits ausverkauften Premiere von „Ein Haus auf dem Land, eine Wohnung in der Stadt“ ganz schnell bei der Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und was daraus geworden ist. Ein Dauerbrenner, seit ich 1993 nach Leipzig und damit „in den Osten“ gekommen bin, wenn auch unter dem altmodischeren Begriff der Solidarität.

Vorwärts, und nicht vergessen, worin uns´re Stärke besteht – im Hungern , nicht im Essen, vorwärts, und nicht vergessen – die Solidarität!

Die Solidarität, die ich aus den Kampf- und Arbeiterliedern kenne, die mein Vater in meiner Kindheit auf dem Plattenspieler abspielte, eine Solidarität, die nie eine tatsächliche soziale Praxis erforderte. Im Gegensatz dazu steht die Solidarität, die mir meine Ost-Schwiegereltern gerne als etwas vorhalten, das sie – im Gegensatz zur kapitalistischen Ellbogenmentalität – gelebt haben. Eine Solidarität, die sich einerseits in der verordneten Spendensammlung für die Kinder Kampucheas äußert, aber auch im selbstverständlichen Subotnik, wenn eine unerwartet aufgetane Ladung Badfliesen an die Wand gebracht werden musste. Praktische Solidarität, glorifiziert und aufgejazzt zu einem Wert wie der Antifaschismus nach 1945, Rosinen und Wirtschaftswunder für die einen, Solidarität und Antifaschismus für die anderen. Wie gerne wollte ich immer zur 2. Fraktion gehören.

Und da sind wir schon wieder bei Jan Brandt und seinem Buch, das so viel mehr ist als ein Rechenschaftsbericht über das Wohnen und die Häuser und die Orte und den Preis, an denen und zu dem beides stattfindet. Denn auch Jan Brandt sieht ihn, diesen glorifizierenden Schleier, der macht, dass wir eine vergangene so gerne zu einer schönen alten Welt verklären und  Solidarität zur Überlebensmethode.

„Der Wille und die Vorstellung, das Haus meines Urgroßvaters vor dem Abriss zu bewahren und die Schäden der jüngeren Vergangenheit zu beseitigen, (…) war ein durch und durch nostalgisches, regressives Projekt. Auch ich war von diesem restaurativen Gedanken infiltriert: das ganze Dorf in seiner Ursprünglichkeit wieder aufzubauen, zum Zeitpunkt seiner größten Originalität – mit Mühle und Molkerei, Bahnhof und Friesenhof, dem Fachwerk-Güterschuppen, den Stellwerken zwischen den Gleisen, den Gulfhöfen überall. Ein Wahnsinn. Eine Utopie, ein Unort: der gute Ort, der niemals Wirklichkeit werden wird. Ein Traum, der Traum bleiben muss. Ich träumte mich in eine Welt hinein, die ich nie erlebt hatte und womöglich gar nicht erleben wollte, selbst wenn das möglich wäre.“

Und nein, keine Sorge, Aken, Ihr könnt aufatmen – ich möchte in Aken nichts wiederaufbauen, keine Potemkinsche Schiffswerft errichten und habe auch nicht vor, Fake-Russen zu rekrutieren und im Waldgebiet links der Dessauer Landstraße GSSD-Truppen als Touristenattraktion patrouillieren zu lassen. Aber natürlich gehe ich vor bestimmten Erzählungen demütig in die Knie und will wissen, wo das herkommt, wie das geht und wie wir das wiederkriegen, wenn Tante Gerda von gegenüber davon erzählt, wie das war, als in Aken die Gemeinschaft sich um lange Tische in der Töpferbergstraße versammelte, um gemeinsam Gemüse zu schnippeln und Pflaumen zu entsteinen und dabei garantiert nicht nur über die Maden im Obst zu sprechen, sondern auch über die Verhältnisse und über die Gemeinschaft und über Politik und Sexualität und überhaupt alles, was die Gemeinschaft betrifft, gefährdet oder stärkt. Und natürlich will ich dabei nicht so tun, als sei damals alles prima gewesen mit der Solidarität und der Gemeinschaft, als habe es keine Machtverhältnisse und keine Manipulation und keine Bespitzelung und keine Gewalt und keinen Sexismus und den ganzen anderen Scheiß gegeben. Und natürlich will ich mich weder der Ostalgie noch der Nostalgie noch der Verklärung schuldig machen oder voller Pathos Brechts Solidaritätslied anstimmen – aber nachfragen und darüber sprechen und herausfinden, wie das war, damals, was bedenkenswert und was bewahrenswert ist und zu welchen Bedingungen, das will ich schon.

Denn wir sind und bleiben einander das größte Abenteuer. Und davon könnten wir einander erzählen. Zum Beispiel an einem langen Tisch in der Töpferbergstraße in Aken.

Beschlagwortet mit: