Bewerbung um ein Leben in Aken

Im Kühlschrank liegt noch ein einsamer Babybel von meinem letzten Aufenthalt.  Das Tee-Ei taucht auf, nachdem ich nach verzweifelter Suche dann eben die losen Teeblätter in die Kanne geschüttet und mit kochendem Wasser aufgegossen habe. Und wie ich die Gastherme dazu kriege, nicht nur heißes Wasser zu produzieren, sondern auch die Heizkörper zum Heizen zu bringen, muss ich erst noch rauskriegen.

Sie haben schon recht, die Menschen in Aken, wenn sie mich regelmäßig bei der ersten Begegnung fragen: Was willst Du eigentlich hier?

Ich befreie den Babybel aus seiner roten Plastehülle und frage mich,  was diesen Käse so besonders macht, außer, dass man aus seiner roten Wachshülle lustige kleine Figürchen kneten kann, aber das ginge wahrscheinlich auch mit dem Käse selber. Was will ich eigentlich hier? Liebe ohne Leiden, bietet Udo Jürgens wie auf Kommando aus der auf Zufallsmix gestellten Playlist an, aber das ist natürlich nicht die Antwort auf die Frage, die mir selbst die fast schon historischen Stromkabel zu stellen scheinen, die aus der Decke und den Abbruchkanten ragen, seit ich den einen Frank-Bruder damit beauftragt habe, Decken und Zwischenwände herauszureißen. Also seit einem Jahr.  Weil nach der Entsorgung von Zwischenwänden und Decken, der Dämmung des freigelegten Dachstuhls, dem Einbau von Dachfenstern und dem lustigen kleinen Zwischenspiel mit Freund D., der mir zwar nicht wie vereinbart das Bad verputzt und gefliest hat, aber dafür Eingang in die ewigen Jagdgründe dieses Blog gefunden hat, die Neuverlegung der Elektrik noch ein bisschen warten muss.

Was will ich eigentlich hier?, frage ich mich, während ich im Bad die Teeblätter aus der Kanne spüle (im Bad, weil natürlich in der Küche noch keine Spüle angeschlossen ist) und beseelt meine elfenbeinfarbenen Metrofliesen anstarre.  

Was willst du eigentlich hier, scheinen mir die 25-kg-Säcke mit Agaton Lehmputz entgegenzuwerfen, die sich neben dem alten Büroschrank mit den quietschenden Schubladen stapeln, der Lehmputz, mit dem ich in den kommenden 10 Tagen die bloßgelegten Wände verputzen will. Lehmputz.  Nicht nur ein Paar Augenbrauen habe ich mit dieser Aussage schon in die Höhe getrieben. „Das will ich sehen, wie Sie den Lehmputz hier an die Decke schmeißen…“, grinst der Tischler, der mich in den vergangenen Monaten durchaus hat anpacken sehen. Was sein Grinsen umso beängstigender macht. Die Decke, die er meint, ist die ziemlich zerstörte Flurdecke. Ich ahne, dass er nicht umsonst grinst.

Mit exakt dieser Ahnung, dass es etwas zu grinsen geben wird, wenn der Lehmputz und ich versuchen, die zerschundene Decke im Flur zu reparieren, besteige ich am Samstag in Leipzig mit meinem Fahrrad die S 2 Richtung Dessau, mit dieser Ahnung entsteige ich in Dessau der S-Bahn, mit dieser Ahnung radle ich am Bauhaus vorbei durchs Biosphärenreservat, rechts von mir Wald und Elbe, links von mir Wald und Lebensgefahr! Betreten verboten – Kampfmittelverdachtsfläche-Schilder,  mit dieser Ahnung fahre ich am ehemaligen Magnesitwerk und den ehemaligen Russenkasernen vorbei, an all den Schopftintlingen, Krause Glucken, Stockschwämmchen und Rotkopfröhrlingen, die sich bislang noch vor mir versteckt halten.

Und dann braucht es gar nicht mehr lange, bis ich die Frage beantworten kann, was ich in Aken will.

Aken, wo ich im Juni feststelle, dass es im Haus nicht mehr kühl genug ist, um meine Lebensmittel vorm Verderben zu beschützen, weswegen ich mich beim Elektrogerätehändler nach einer von diesen kleinen, strombetriebenen Kühltruhen erkundige. „Sie brauchen nur vorübergehend was für Ihre Baustelle, hab ich das richtig verstanden? – Wissen Sie, wenn ich bei Kunden ein Neugerät anliefere, hole ich ja auch deren Altgeräte ab, für zwei, drei Monate tut´s das bestimmt – wäre das eine Lösung für Sie?“  Am selben Nachmittag liefert er mir eine Kühl-Gefrier-Kombi in die Töpferbergstraße. Auf meine Frage, ob wir irgendeine Art von Vereinbarung aufsetzen sollen, lacht er. „Rufen Sie mich einfach an, wenn Sie das Ding nicht mehr brauchen.“

Aken, wo der Mitarbeiter von Sanitär Hoffmann im August feststellt, dass weder mein falsches Spülverhalten noch die von mir verdächtigten Besuchskinder schuld an der mittlerweile dritten Toilettenverstopfung  und der Überschwemmung im Hauswirtschaftsraum sind, sondern die kaputte Rückstauklappe im Keller. Um in unendlicher Gelassenheit zu bestätigen, dass die Beseitigung der über Monate im Abflussrohr angestauten Verstopfung erfordert, das Rohr zu öffnen. Vor der Rückstauklappe. Hausseitig. Und dann völlig gelassen in meinem Keller die über Monate hinweg angestaute Scheiße in die Betonmischwanne (den ganzen Sommer über noch: meine Badewanne) schippt, um sie von dort auf der straßen- und kanalisationsseitigen Seite der defekten Rückstauklappe wieder zurück ins Rohr zu schippen. Und, als ich ihm einen Schnaps anbieten will, freundlich grinsend erwidert, dass er beileibe schon Schlimmeres erlebt habe. Es hat mit der Entleerung von Katzenklos in Toilettenfallrohre zu tun. Im 4. Stock. Mehr sag ich nicht. 

Aken, wo ich meine Teekanne mit Blick auf elfenbeinfarbene Metrofliesen ausspülen kann. Weil Steffen, der andere Frank-Bruder, sich  nach Ausfall von Freund D. auf Basis meiner leicht untertriebenen Ansage – „geht nur um 8 qm Badfliesen“ – breitschlagen lässt, die angefangene Badbaustelle zu übernehmen. Tag für Tag mit seinem Ghettoblaster anrückt und zu den lautstarken Superhits für Sachsen-Anhalt freundlich fluchend die Wände verputzt, dem Spülkasten einen Trockenbau verpasst, Fußbodenestrich gießt, im Hof Fliesen zusägt und Wanne und Waschbecken verfugt. Steffen, der mir dann irgendwann bei der E-Zigarettenpause im Hof das Du anbietet, weil man sich unter Handwerkern doch duzt.

Aken, wo mich der Busfahrer der Linie 471 nach Dessau irgendwann während der Corona-Zeit angrinst und mein entgegengestrecktes Fahrgeld mit einer Handbewegung abwehrt. „Kauf dir ein Eis davon…“

Aken, wo Christina, deren Mutter bis zu ihrem Tod mein Häuschen in der Töpferbergstraße bewohnt hat, an einem kalten Oktobertag versucht, das Geheimnis der Inbetriebnahme der Gastherme fernmündlich mit mir zu lösen, damit ich nicht frieren muss. Christina, von der ich bei der Schlüsselübergabe im Sommer 2019 erfahre, warum man in Aken jemandem wie Herrn Stahlknecht nicht nur kein Denkmal errichten würde, sondern eher einem Stück Holz, das niemand auf Herrn Stahlknecht geworfen hat und das Herrn Stahlknecht auch niemals getroffen hat und für das bedauerlicherweise auch nie jemand zur Rechenschaft gezogen werden konnte…

Nein. Kein Romantisieren. In Aken ist nichts besser als anderswo. Aken ist nicht das kleine gallische Dorf, in dem eine unbeugsame Dorfgemeinschaft den Besatzern immer noch standhaft die Stirn bietet. Aken liegt in Sachsen-Anhalt. Sachsen-Anhalt, wo vor exakt einem Jahr ein antisemitischer Attentäter in Halle versucht hat, an Jom Kippur die in der jüdischen Synagoge versammelten Gläubigen zu ermorden. Sachsen-Anhalt, für viele da draußen verfemt als Hochburg der AfD, des Rassismus und anti-demokratischer Strömungen. Ich weiß, dass Menschen bei Dunkeldeutschland vor allem Sachsen und Sachsen-Anhalt im Blick haben. Ich will das nicht leugnen. Und gleichzeitig bin ich es so leid. So leid, dass sich mit einer bestimmten geographischen Herkunft ausschließlich negative Eigenschaften zuerst aufdrängen – gleichwohl ich die Realität kenne, die zu dieser Wahrnehmung führt. Ja. In diesem Teil Deutschlands steht die Demokratie mitunter ziemlich im Dunkeln. Aber während dieses Dunkel beleuchtet, diese Geschichten erzählt werden müssen, gilt es auch, andere Geschichten ans Licht zu holen.

Denn was legt Christa Wolf ihrer Kassandra in den Mund? `Nicht durch Geburt, ach was, durch die Erzählungen in den Innenhöfen bin ich Troerin geworden.´ Na dann. Nicht durch Geburt, aber vielleicht durch die Erzählungen von dort, wo die Elbe einen Haken schlägt, kann ich Akenerin werden.

Was also will ich in Aken?

Ich will wissen, wie ich mir die Werktätigkeit im Magnesitwerk und auf der Schiffswerft vor 1990 vorzustellen habe. Wie ein trimodaler Hafenbetrieb funktioniert. Ob es einen Chor gibt, der mich mitsingen lässt.  Wer mir das Rudern auf der Elbe beibringt.  Wie das war, 2013, mit dem Hochwasser und dem Schöpfwerk und Holger Stahlknecht und dem Holzstück. Wie das war, damals, als man lange Tische auf der Straße aufgebaut und gemeinsam Obst und Gemüse entsteint und geschnippelt hat. Ob irgendwer noch ein fahrtüchtiges Auto in der Garage stehen hat, das gerne ein paar Jahre auf dem Buckel haben darf, aber dafür erschwinglich ist. Von wessen Walnussbaum ich im nächsten Juni ein paar Kilo unreife, grüne Walnüsse ernten darf, um Schwarze Nüsse anzusetzen. Aber auch, ob das, was ich kann und bin und zu bieten habe, für euch interessant ist. Ob Ihr Lust auf Lesungen, Schreib- und Biographie-Workshops habt, darauf, gemeinsam ein Literaturfestival auf die Beine zu stellen und Sachsen-Anhalt mit ein paar anderen Geschichten ins Gespräch zu bringen.

Und nicht zuletzt will ich natürlich wissen, wo zum Teufel hier die Pilze wachsen. Und wie ich den Kesselfüll- und Entleerungshahn an der Junkers Gastherme öffne und befülle. Und bis dahin stapfe ich weiter in Gummistiefeln über meine Baustelle und esse im Stehen ein Frühstücksei.

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