`Es geht jeden Deutschen verdammt an, dass in Dessau Gutes entsteht´

Wusste Lyonel Feininger schon 1926. Ich nehme Feiningers Appell zum Anlass, in unmittelbarer Nachbarschaft von Dessau Gutes entstehen zu lassen, und immerhin die Steckdosen sehen ein bisschen nach Bauhaus aus. Überhaupt, die Steckdosen. Nicht nur sind die jetzt dran an der Wand, oberirdisch, sichtbar, Aufputz. Sondern die haben auch noch etwas mit den Dingen zu tun, die jeden Deutschen etwas angehen. Also nicht, dass meine Steckdosen jeden Deutschen etwas angehen (sollten). Aber wenn ich an die Blicke denke, die ich oft ernte, wenn ich einem Handwerker meine Vorstellungen unterbreite, dann sehe ich an diesem Blick, „das ist doch nicht normal“. Aufputz-Steckdosen, und dann noch in Bakelit-Optik. Nicht normal. Wände und Linoleumböden und Kunststoffpaneele rauszureißen. Nicht normal. Kleingeschnittenes Hasenstroh in Lehmputz zu mischen und mit den Händen in die Löcher in der Decke zu stopfen. Nicht normal. Ein Bad nicht zu kacheln, sondern mit Fließestrich auszugießen und den dann auch noch schwarz zu streichen. Nicht normal.

Deutschland. Aber normal.

Fordert Andreas Mrosek (AfD) auf den Wahlplakaten rund um Aken und Dessau im August 2021.

Wir, die AfD-Sachsen-Anhalt, das sind normale Bürger mit gesunden Ansichten aus allen Schichten des Volkes. (…) Wir brauchen keine Politik, die gesunde Einstellungen wie Familiensinn und Nationalgefühl bekämpft.

Fordert die AfD Sachsen-Anhalt in ihrem Wahlprogramm. Ich kenne „normal“ als Bezeichnung für etwas, was wir mit ungefähr 16, 17 auf gar keinen Fall sein wollten. Ich kenne „normal“ als etwas Beschwichtigendes („ist doch normal…“). Ich kenne „normal“ als Gegenentwurf zu allem, was besonders, abweichend, andersartig ist. Als Verpflichtung zu Nationalgefühl kannte ich den Begriff noch nicht. Oder doch. Aber aus ganz anderen Zeiten.

Seit Januar ist einiges passiert, auf der Baustelle, aber auch außerhalb. Der Lehmputz ist an den Wänden und an der Decke. Die unteren Räume sind mit Lehmfarbe gestrichen. In der Küche haben Spüle, Armatur und eine Arbeitsplatte samt Unterbau Einzug gehalten, der Fliesenspiegel ist schwarz gestrichen, das Treppenhaus im Flur geschliffen und in Teilen flamingofarben, die dahinterliegende petrolblaue Wand jetzt unter einem Schleifstaubschleier. So viel zu Lessons Learned, was die Reihenfolge von Arbeitsschritten angeht. Dem farbgestalterischen Februar folgten drei Monate Renovierungspause, und als ich im Juni nach Aken zurückkomme, reifen in der ausrangierten Badewanne im Hof die Tomaten und Buschbohnen und in meinem Kopf die Erkenntnis, dass ich mich allmählich nicht länger um den Fußboden herumdrücken kann. Den Fußboden, auf dem unter einer unterschiedlich dicken Schicht steinharter Ausgleichmasse ochsenblutversiegelte Dielen liegen.

Was die Entfernung einer unterschiedlich dicken Schicht steinharter Ausgleichmasse angeht, gehen die Meinungen auseinander. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein bisschen schleifstaubmüde bin, dass ich mich für die Empfehlung, die Ausgleichmasse vor der Entfernung drei Tage lang mit Leinöl zu tränken, entscheide. Und dann leinölbenebelt tagelang mit Gummihammer und Spachtel über den Boden krieche und kleine Fetzen Ausgleichmasse abspachtele, entscheidend dabei der Winkel, in dem der Spachtel angesetzt wird: zu flach und er rutscht ab, greift nicht unter die Ausgleichmasse, zu steil und er hackt eine Macke in die Dielen.

Einen Dielenboden auf diese Art von Ausgleichmasse zu befreien, lässt viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über Familie, Sexualität und Kultur. Und wie die zum Schlachtfeld von Normalität werden. Weil sich einfach so behaupten lässt, dass

…die Regierung uns ein unnatürliches Familien- und Gesellschaftsbild aufzwingen will und unsere Kinder schon in der KITA einer perversen Frühsexualisierung unterzieht.

Die AfD lehnt jede Form der Frühsexualisierung und jedwede Agitation von Kleinkindern und Grundschülern im Sinne devianter Formen von Sexualität ab.

Deviant heißt abweichend. Abweichend von etwas, das zur Norm erklärt wird, die es dadurch zu gefährden scheint. Was ein unglaublich cleverer Schachzug ist, um zu verschleiern, dass die Bedrohung nicht vom Abweichenden ausgeht, sondern von dem, das zuvor zur Norm erklärt wird. Dass den Zwang nicht die in wilden Farben an die Wand gemalte Abweichung ausübt. Sondern die vermeintlich so harmlose Normalität. Die nämlich eine wahnsinnig exklusive Veranstaltung ist, wenigen vorbehalten und durch demokratisch kein bisschen legitimierte Kriterien gekennzeichnet. Warum wundert es mich nicht, dass alles, was diese Gesellschaft anregend macht, Widerspruch herausfordert, Bestehendes in Frage stellt, Platz für Neues, Anderes schafft, nicht normal sein darf?

Ich finde es normal, manchmal Frauen küssen zu wollen und manchmal Männer. Ich finde es normal, in einem alten Haus mit alten Baustoffen zu arbeiten. Ich finde es normal, diejenigen zu unterstützen, die auf Rassisten zeigen und Rassisten Rassisten nennen. Ich finde es normal, drei Kinder von drei Vätern zu bekommen, mit keinem von ihnen zusammen zu leben und meine drei Kinder und mich trotzdem eine Familie zu nennen. Ich finde es normal, dass meine Nachbarn den Gehweg vor ihrem Haus fegen und den Löwenzahn aus den Fugen reißen. Ich finde es normal, dass einige Mitglieder des Akener Stadtrats andere Vorstellungen von der Gestaltung des Gemeinwesens haben als ich. Ich finde es normal, dass Demokratie bedeutet, niemanden verpflichten zu können, eine verbindliche Vorstellung von „normal“ zu haben.

Normal finde ich es auch längst, dass der Schleifmaschinengeräteverleih schon um 7 Uhr morgens aufmacht und die Bäckerei in der Töpferbergstraße aufgrund der Sommerhitze zwar schon um 15:30 schließt, dann aber auch um 4:30 öffnet. Ich kaufe also meinen Kuchen vor 15:30 und schleife das Ochsenblut von den Dielen und finde es völlig normal, angesichts der warmen, freundlichen Holzoptik der geschliffenen Dielen nicht in Verzückung auszubrechen, sondern sie trotzdem farbig streichen zu wollen. Und zwar mit Leinölfarbe.

Und dann fällt mir auf, dass ich ja nicht nur in ein Bundesland gezogen bin, in dem eine Partei so tut, als lebten wir schon wieder in einem Land, in dem sie befehlen dürfte, was Normalität ist. Sondern auch in ein Bundesland, in dem das Bauhaus die Vorstellungen der damaligen Rassisten, Antidemokraten und Menschenfeinde von Normalität provoziert und ihnen eine andere, schönere Form des Lebens, Bauens und Liebens vorgelebt hat. Und denke: Damn right, Lionel Feininger.

Es geht jeden Deutschen verdammt an, dass in Dessau Gutes entsteht.

Und dann möchte ich an jede meiner Bakelit-Imitat-Aufputzsteckdosen ein Schild kleben: gut. Möchte in meine Gebärmutter, die drei Kinder geboren hat und zwei nicht, einsticken: gut. Möchte meiner Freundin Y., die keine Gebärmutter hat, aber trotzdem eine Frau ist, ein glitzerndes Kleid an den Leib zaubern. Gut. Möchte, dass all diese Dinge höchstens noch mit einem Schulterzucken quittiert werden. `Ist doch normal´. 

Normal ist, was Menschen tun. Fühlen. Wollen. Unabhängig davon, ob es der Gemeinschaft, in der sie leben, dienlich oder vertraut oder angenehm ist. Und für den Fall, dass es ihr schadet, gibt es Regeln, das zu unterbinden. Wenn zum Beispiel das, was jemand uns für normal verkaufen will, die Freiheit, die Sicherheit, das Leben, die Sexualität und Familienaufstellung von anderen gefährdet. Einer solchen Normalität gilt es Einhalt zu gebieten. Die Normalität der AfD ist ein solcher Fall (und wo die hinführt, wenn man sie konsequent zuende denkt, habe ich hier schon mal durchgespielt). Die Normalität, die die AfD will, ist die Normalität einer Diktatur. Das find ich nicht normal. Nicht in Aken, nicht in Sachsen-Anhalt und nicht an irgendeinem Ort der Welt, wie ich sie bewohnen will.  

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