Im Tal der Helden

An der Ausfahrtstraße von Foča halten wir an einem kleinen Supermarkt, ich kaufe eine lange Hartsalami, weil wir in unserem Bungalow keinen Kühlschrank haben und alle Nahrungsmittel in einem Plastikbeutel, den ich nachts außen an die Regenrinne hänge, aufbewahren. Ich kaufe Bananen und bosnischen Kaffee und bosnische Zuckerwürfel, die eine ganz andere Konsistenz haben als deutsche Zuckerwürfel, und für Mattis und mich ein Eis aus der Eistruhe.

Als wir die Einkäufe im Kofferraum verstaut haben, sitzen wir auf der Bank, wie sie in Bosnien fast vor jedem Supermarkt stehen, lecken unser Eis und versuchen, das kyrillische Grafitti an der gegenüberliegenden Fabrikmauer zu entziffern, das auf irgendwas mit ‚basta‘ endet, als die Kassierin aus dem Laden kommt, in der Hand ein Päckchen Butter, und gestikulierend und mit dem Butterpäckchen wedelnd auf mich einredet. Erst denke ich, sie trägt es uns nach, weil ich es einzupacken vergessen habe, oder das andere ist abgelaufen, bis mir aus dem wenigen, das ich verstehe, klar wird, dass sie es austauschen möchte, und als ich ihrem Wunsch nachkomme und unser Stück Butter aus der Tüte hole und gegen das, das sie mir entgegenstreckt, eintausche, verstehe ich den Grund. Dazu hätte sie gar nicht in den Laden zurückgehen und den Kassenbon holen müssen, auf dem der Butterposten mit Kugelschreiber eingekreiselt ist. Sie hat uns ein 250-Gramm-Stück zum Preis von einem 125 g Stück verkauft.

Wir machen Urlaub in einem Land, in dem es einen Unterschied macht, in welcher Hälfte des Landes man für seine Sprachkenntnisse gelobt wird. Ich kann mich nicht freuen, wenn die Verkäuferin im Minimarkt am Olympiaschwimmbecken erfreut feststellt, dass ich ja Serbisch spreche, und ich es nicht fertig bringe, ihr zu sagen, dass ich nicht Serbisch spreche, sondern Bosnisch, und dass es Zeiten gab, in denen sie ’nas jezik‘, unsere Sprache, gesagt hätte. Fast noch weniger als darüber, dass sie meine serbischen Sprachkenntnisse lobt, die sie nicht als bosnische erkennt, kann ich mich darüber freuen, an Orten wie Foča, Višegrad oder Zenica dafür gelobt zu werden, Orten, die mit dem Friedensabkommen von Dayton der Republika Srpska, der serbischen Entität auf bosnischem Staatsgebiet, zugeschlagen wurden und mit diesem Akt die Vertreibung der bosnischen Muslime, die längst als Genozid anerkannt ist, auch wenn überall das Unwort der ethnischen Säuberung grassiert, zementiert und dafür gesorgt hat, dass nach Kriegsende fast keine bosnischen Muslime an die Orte zurückgekehrt sind, von denen sie vertrieben wurden, sondern die Städte heute mehrheitlich von bosnischen Serben bewohnt werden, und deswegen weiß ich zwar dank der Kioskverkäuferin jetzt wieder, dass Trauben grozđe heißen, aber kann mich nicht darüber freuen, dass sie sich über mein Serbisch freut.

Und dann liegen wir an der Böschung in der Sonne und trocknen nach dem Schwimmen und beobachten, wie der Junge, der uns gestern die Saisontickets fürs Olympiabassin verkauft hat, gestikulierend am Beckenrand steht und einem Mann im Wasser, Anweisungen erteilt und immer weitere Männer sich dazu gesellen und erst sieht es aus, als würden die nach etwas suchen, das ins Wasser gefallen ist, eine Uhr vielleicht oder ein Ring, aber nachdem der Mann im Wasser minutenlang über derselben Stelle tritt und die anderen sich am Beckenrand beratschlagen, zieht er plötzlich etwas Rotes aus dem Wasser, eine gebogene Metallstange, und als sie weiter über die Wasseroberfläche kommt, entpuppt sie sich als eine der roten Einstiegstreppen, wie sie alle 200 Meter in die Betoneinfassung des Bassins eingelassen sind. Mir ist beim Einstieg auch schon aufgefallen, dass sie das Ende des jugoslawischen Sozialismus nicht unbeschadet überstanden haben, sehr wacklig hängen sie in ihrer porösen Verankerung, ein zu schwerer Körper, ein zu kräftiges Rütteln kann sie jederzeit aushängen und dann versinken sie im Bassin. Inzwischen haben drei oder vier Männer im Wasser eine Kette gebildet, sie müssen auf der Stelle mit den Beinen rudern, weil das Wasser zu tief zum Stehen ist, und so sehen sie ein bisschen aus als würden sie Wasserballett tanzen, ein weiterer Mann kauert am Beckenrand auf dem Boden und dirigiert die von den anderen wasserstrampelnd angereichte rote Metalltreppe in die richtige Position, um die beiden gebogenen Stangen in die Ausbuchtungen im Beckenrand einzuhängen. In welcher Sprache sie sich über ihr Vorgehen verständigen, weiß ich nicht. Im Zweifeslfall nas jezik, sonst hinge die Leiter wohl kaum wieder. Anders geht es im Doline Heroja, im Tal der Helden im Sutjeska Nationalpark nicht.

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