Herkunft

Was wissen wir über die Herkunft unserer Großeltern?

Sie brachten Grützwurst, Kapusta mit Kwass, Doseneintöpfe und Ofenschlupfer. Sie kamen aus dem Spreewald, Treuenbrietzen und Deutschrasselwitz, aus Schlesien, Bosnien und dem Iran. Ihre Geschichten erzählen von Aufbruch & Ankunft, von alter und neuer Heimat und vor allem davon, dass es die eine `deutsche´ Herkunft nicht gibt. Aber was wissen wir eigentlich außer ein paar Traditionen, einer Ortsangabe und vielleicht zwei, drei dürren Ansagen zu Flucht, Krieg oder Arbeit über die Herkunft unserer Großeltern (Jahrgänge 1900-1930)? Um einen möglichst breitgefächerten Blick darauf zu bekommen, habe ich die Online-Umfrage Wo kommen Deine Großeltern her? erstellt, in der ich in fünf Fragen mir fünf Fragen Herkunft, Ortswechseln, Gründen & Motiven, mitgebrachten Erinnerungen und Lieblingsrezepten nachgehe. Die Teilnahme erfolgt anonym und wer möchte, kann als Dankeschön an der Buchverlosung teilnehmen (Email-Angabe erforderlich). Zum Onlineformular >>

Der schlesische Kartoffelsalat meiner Großmutter

Mein Großvater Richard Koschmieder, geboren in Frauenwaldau in Schlesien, kam 1950 mit seiner Familie als Lehrer nach Waldhilsbach, ein Dorf irgendwo im kleinen Odenwald, in der Nähe von Heidelberg. Nachkriegsdeutschland brauchte Lehrer, und so quartierte man den neuen Dorflehrer mitsamt seiner Familie im Schulgebäude ein und ließ seine Kinder nach dem Schlachtfest regelmäßig an den Topf mit frischen Wurstsuppe. Meine andere Großmutter, aufgewachsen in Oppeln, ebenfalls Schlesien, später Schwesternschülerin bei der `Mutter Oberin´ in Breslau, in der Kriegs- und Nachkriegszeit als junge Ehefrau, dann Mutter, dann Witwe in Bad Hersfeld westlich der Rhön. Auch, als sie schon Jahrzehnte im Nordhessischen lebte, verging kein Weihnachten ohne ihren schlesischen Kartoffelsalat (mit Apfel und sauren Gurken natürlich).

Bis heute erzeugt der schlesische Kartoffelsalat meiner Großmutter ein stärkeres Heimatgefühl als jede Staatsgrenze und die Kindheitserinnerung meines Vaters an die großzügig in der Nachbarsküche ausgeteilte Wurstsuppe hat meine Bereitschaft, `Zugezogene´ als Teil (m)einer Gesellschaft anzunehmen, stärker geprägt als jede Geschichtsstunde. Ich kenne fast niemanden, der nicht auf Anhieb ein traditionelles Familienessen, eine von den Großeltern überlieferte Lieblingsspeise nennen könnte. Und ich kenne auch fast niemanden, der heute in Deutschland lebt, dessen Großeltern nicht eine Geschichte von Ortswechseln, Flucht und Migration zu erzählen hätten. Aber wo kommen sie alle her und wie sprechen sie über ihre Herkunftsorte, darüber, warum sie sie verlassen haben, und welche – meist kulinarischen – Erinnerungen ziehen sich bis heute durch die Familiengeschichte?